Thomas Kretschmer

Teilnehmer Gesprächsforum am Samstag, 09.11.2019, 14.30 - 16.00 Uhr

Vita

  • Geb. 1956, katholisch erzogen, verweigerte 1970 im Alter von 14 Jahren die staatliche Jugendweihe in der DDR.
  • 1972 Berufsausbildung mit Abitur in einer Gärtnerei, Ausstritt aus der FDJ, er verlor seine Ausbildungsstätte und konnte damit kein Abitur ablegen, er begann eine weitere Ausbildung zum Krankenpfleger im Städtischen Krankenhaus Jena.
  • Im Juni 1973 unternahm Kretschmer einen Fluchtversuch über die tschechoslowakisch-österreichische Grenze. Er wurde zu 15 Monaten Jugendhaft verhaftet.
  • Nach seiner Haftentlassung 1974 versuchte das MfS erneut erfolglos, Kretschmer zur Mitarbeit zu bewegen.

 

Thomas Geßner

  • Kretschmer engagierte sich seit 1974 in der offenen und evangelischen Jugendarbeit in Jena. Von 1974 bis 1976 arbeitete er als Krankenpfleger im Städtischen Krankenhaus Jena und in einem Behindertenheim in Bad Blankenburg.
  • 1976 Beginn des Theologiestudiums am Erfurter Predigerseminar,1980 wurde ihm die Fortsetzung des Studiums durch die thüringische Amtskirche verwehrt.
  • Im November 1980 wurde er erneut zum Wehrdienst eingezogen und aufgrund seiner erneuten Verweigerung inhaftiert.
  • Im Dezember 1980 wurde er auf Bewährung entlassen, da er sich verpflichtete, den Wehrdienst als Bausoldat abzuleisten.
  • Während seines Dienstes als Bausoldat solidarisierte Kretschmer sich mit der polnischen Gewerkschaft Solidarność. Zu Neujahr 1982 versandte er an Freunde ein selbstgefertigtes Batiktuch mit der sophistischen Aufschrift „Lernt polnisch!", welches bei einer Postkontrolle gefunden wurde. Kretschmer wurde daraufhin im Januar 1982 erneut verhaftet und bis Juni 1982 in der zentralen Untersuchungshaftanstalt des MfS in der Berliner Magdalenenstraße festgehalten.
  • Im August 1982 wurde er vom Militärobergericht Hallewegen der DDR-Straftatbestände „Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit" (§ 214) und „öffentlicher Herabwürdigung" (§ 245, 246) zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Später wurde bekannt, dass Kretschmers Rechtsanwalt in diesen Verfahren inoffizieller Mitarbeiter des MfS war und Berichte über seinen Mandanten lieferte.
  • Im Januar 1985 wurde Kretschmer in die MfS-Abschiebehaftanstalt Karl-Marx-Stadt verlegt und sollte in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben werden, was Kretschmer ablehnte. Aufgrund kirchlicher und internationaler Proteste, unter anderem durch die Gefangenenhilfsorganisation amnesty international, wurde Kretschmer im Juli 1985 aus der Haft entlassen und arbeitete bis 1989 als kirchlicher Handwerker in Ebersdorf.
  • Während der Wende und der friedlichen Revolution in der DDR 1989 beteiligte sich Kretschmer an der Besetzung der MfS-Kreisdienststelle Bad Lobenstein und war Mitglied im thüringischen Bürgerkomitee zur Auflösung des MfS.
  • Von 1990 bis 1994 war Kretschmer Mitglied im Kreistag Lobenstein für die „Kirchliche Wählergemeinschaft". Kretschmer lebt als Holzbildhauer zurückgezogen in Tegau und arbeitete 2001 am Fachklinikum Stadtroda mit psychisch kranken Patienten. 2014 wurde sein ziviler Widerstand in einer Solidarność-Ausstellung des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) in der Heinrich-Böll-Stiftung geehrt.


Eigene Notizen von Thomas Kretschmer zu

"Die Freiheit, die ich meine"

„Meinen" entspringt lt. Grimmschen Wörterbuch der gleichen sprachgeschichtichen Quelle, wie „Minne".

Die ritterliche Liebe, die einen in den Kampf ziehen lässt, in unserem Fall, der Frau Freiheit. Als der große Widerpart von Frau Freiheit erscheint mit die Angst, gleichfalls in vielerlei Gestalt und Gewand. Demzufolge wäre die Befreiung von Angst das hohe anzustrebende Gut. Immer wieder.

In meiner Geschichte hieß das, der Stimme des Gewissens folgen, Zwang und Fremdbestimmung nicht akzeptieren, selber denken. Und den eigenen Empfindungen und Wünschen trauen. Und schließlich, allen und allem, auch mir, mit liebevollem Interesse begegnen. In unseren Fall, der Frau Freiheit.