Mandy Claudia Gerin - Auf Spurensuche

Die Öffnung der Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland, am Abend des 9.11.1989, war etwas Bedeutungsvolles, denkwürdig und folgenreich, in vielerlei Hinsicht.
Am 9. November 2019 wird sich die Erde 30 Jahre lang, Tag für Tag gedreht haben, der Blick aus dem Universum hat sich im Wesentlichen nicht geändert.
Die „DDR“- eine Epoche, wenn die Maueröffnung ihren Verfall anzeigt, dann hat sie „nur?“ 40 Jahre und 33 Tage existiert. Doch es sind über 16 Millionen individueller Lebensgeschichten, die in den folgenden Jahren erlebt wurden und werden:

Ein Mann, der 1989 neunundsechzig Jahre alt ist, bis zur Rente in der Schwerindustrie hart gearbeitet hat, er bekommt eine reichliche Rente, entsprechend seinem Beruf in der BRD, er schaltet teilweise auf 1935 um und kommt mit neuen/alten Straßennamen und Behörden manchmal besser klar, als die „Jungen“, er genießt jeden Tag seines Lebens, der Mut, noch einmal nach Italien zu reisen, fehlt ihm.

Eine Frau, die 1989 zweiundzwanzig Jahre alt ist, seit einem Jahr Mutter, auf einmal ist es nicht mehr normal, dass sie trotz Kind 42 Stunden pro Woche arbeitet, zum Glück bleibt die umfassende Kinderbetreuung erst einmal erhalten, - Kinderkleidung- endlich gibt es viele bunte und schöne Sachen aber die Kindersachen sind nicht mehr subventioniert, die Löhne noch nicht so hoch wie im Westen, die Miete für die Neubauwohnung verdreifacht, der Betrieb meldet Kurzarbeit an, der Ehemann pendelt zur Arbeit in den Westen.

Ein Germanist, 1989 achtundfünfzig Jahre alt, um Karriere an der Universität zu machen trat er natürlich in die SED ein, er war nie „rot“, bewegte nach seinen Möglichkeiten viele gute Dinge, half Leuten mit dem System zurecht zu kommen, er ist intelligent genug um zu wissen, dass seine Zeit an der Universität zu Ende ist, vieles holt ihn jetzt ein, er hängt seine Fahne nicht einfach in den Wind, zu schwer für ihn die Veränderung, er wird krank und kann die neue Freiheit nicht lange genießen.

Eine Bäuerin, 1989 dreiundvierzig Jahre alt, lebt seit der Geburt auf dem Land, ihre Eltern brachten Maschinen und Land in die LPG ein, jetzt seht sie vor der Frage, was sie mit ihrem Erbe tun soll, es ist neu, dass Land und Bauernhof einen hohen finanziellen Wert haben, die Eltern sind seit 2 Jahren in Rente, sie werden sich mit einer Landwirtschaft nicht mehr selbständig machen.

Ein Kind, 1989 zwölf Jahre alt, es merkt, es ist etwas Bedeutsames passiert, kann es aber nicht genau benennen. Themen in seiner Welt sind die neuen Schulformen, Realschule oder Gymnasium? Warum brauchen die Kinder im Westen bis zum Abitur 13 Jahre, lernen sie mehr? Was wird aus den Lehrern für Russisch und Staatsbürgerkunde, können die auch noch was anderes?

Es sind zahlreiche bewegte Lebensläufe. Hatten die Ostdeutschen eine Wahl? Was machte die gravierenden Veränderungen möglich? War die Trennung der deutschen Staaten unnatürlich und mit Gewalt erzwungen, so dass klar war, die Konstruktion ist nicht haltbar? Welche Bedeutung hatten einflussreiche Menschen in den Machtzentren der Welt? War ihr Ziel ein wiedervereinigtes Deutschland? Welchen Einfluss hatten sie wirklich?

Klar ist: lange bevor die 1961 gebaute Mauer fiel, leisteten viele Menschen ihren Beitrag für ein besseres Leben. In Ost und West beteten die Menschen für eine friedliche Einheit aller Menschen. Im Osten nutzten viele Menschen kleine und große Gelegenheiten, dass Land in eine gute, heilsame Richtung zu lenken, dem Leben einen Sinn zu geben. Es fanden unzählige Gespräche statt, die Enge des politischen Systems bewirkte eine intensive, kreative Beschäftigung mit der Situation und dem Leben. Missstände und verbotene Dinge wurden indirekt und deutlich in Kunstwerken, Zeitschriften, Kabarett und vielem mehr deutlich gemacht. Nicht wenige Menschen haben die Maueröffnung vor dem 9. November 1989 mit ihrem Leben bezahlt, weil sie sich treu waren und sich dem politischen System nicht beugten. In der Summe ist es eine gute Richtung, in die sich die Menschen 1989 bewegten. Sie schaffte etwas Beachtenswertes, durch Konzentration und Ausdauer in den Friedensgebeten, durch Besonnenheit und weise Entscheidungen lenkten sie ihre Geschichte(n). Sie entwickelten Kräfte, von denen manche überrascht waren.
Der 30. Jahrestag der Maueröffnung soll Anlass sein, einmal wieder innezuhalten. Vielleicht können wir einige Möglichkeiten bewusst machen, beispielsweise die Kraft von Bewegungen, wie den alljährlichen Friedensgebeten im November. Wir wollen miteinander die Gegenwart genießen, in die Zukunft schauen und unsere reichen Ressourcen sinnvoll einsetzen.