Michael Klotz - Perspektivwechsel

Zwei Mal im Jahr wandere ich mit einem Freund entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Was ursprünglich als sportliche Aktivität in unberührter Natur gedacht war, entpuppte sich sehr bald auch als eine Reise in die Vergangenheit.

Noch intakte ehemalige Kolonnenwege, Reste der Grenzbefestigungen, Berichte im Reiseführer oder Gespräche mit Einheimischen erinnern, mitunter schmerzlich, meine eigene Geschichte in 30 Jahren DDR.

Aufgewachsen in einem sozialen Umfeld, das anderen Werten als den von der Partei vorgegebenen wenig Raum schenkte, war mein Blickwinkel sehr eingeschränkt. Ich konnte und wollte die Enge nicht sehen, die ständige Bevormundung, die einseitigen Sichtweisen, das Schüren von Feindbildern. Gegenteiligen Meinungen von Freunden und Arbeitskollegen versuchte ich mit rationalen Argumenten zu begegnen. Das Andersdenkende zu Feinden des Arbeiter- und Bauernstaates erklärt wurden, schien mir einleuchtend. Das Bestehen der Mauer war für mich Normalität.

Diese enorme Verdrängung suchte ein Ventil und spiegelte sich letztendlich in meiner Krankheitsstatistik wider. Die Proteste auf Straßen und Plätzen, die dann in die Öffnung der Grenze im Herbst 1989 mündeten, lagen jenseits aller meiner Vorstellungen. Ich war schockiert von den Bildern, die sich mir im Fernsehen zeigten. Der Ansturm auf die Züge gen Westen, lange Schlangen beim Empfang des Begrüßungsgeldes.

Einen Aha-Effekt erlebte ich beim Verfolgen einer Rede Rudolf Bahro`s vor den Delegierten des letzten Parteitages der SED. Seine aus seinem Buch „Die Alternative“ vorgestellten Ideen begleiteten die Anwesenden mit Buhrufen. Ich war fassungslos. Am kommenden Morgen gab ich mein Parteibuch ab.

Ein bis heute andauernder Weg der Aufarbeitung meines Lebens in der DDR und der Hintergründe meines so Seins begann. Lange Zeit vom Frust über vergangenen Erfahrungen begleitet, konnte ich sie nach und nach integrieren und kam in der vereinten Republik und bei mir an.

Heute bin ich den Menschen dankbar, die den Mut und die Kraft hatten für Veränderungen aufzubegehren. 30 Jahre Teilung und eine ebenso lange Zeit des Mauerfalls haben mein Leben geprägt. Beide Erfahrungen regen mich immer wieder zum kritischen Hinterfragen an. Ich erlebe mich heute bewusster und wacher, innerlich freier.

Und es stimmt mich nachdenklich, dass heute altbekannte Muster immer mehr aufleben.
Das Schönreden der Verwerfungen in unserer Gesellschaft, die Projektion eigener Themen auf andere, das Schüren von Feindbildern im Innen und Außen, eine oft einseitige Berichterstattung der Medien, die Ignoranz der Probleme der Abgehängten in unserer Gesellschaft.
Haben wir nichts aus der Geschichte gelernt? Wenn wir die Veränderung nicht anstoßen, wird sie es mit uns tun.