Prof. Uwe Langbein - Statement zur PoE-Demonstration am 3.3.2019 auf dem Karolinenplatz in Darmstadt

Ich bin Uwe Langbein und lebe seit 30 Jahren hier in Südhessen.

Aufgewachsen bin ich in Thüringen, ca. 300 km östlich von hier, habe dort studiert und eine Familie gegründet. Um nach Südhessen zu gelangen war im Sommer 1989 ein Umweg von ca. 2000 km erforderlich, nach Ungarn, wo der Eiserne Vorhang erste Brüche zeigte. Wir gehörten zu jener Gruppe von DDR-Bürgern, der es gelang, unter den Augen ungarischer Grenzschützer die Grenzanlagen nach Österreich zu überwinden. Das war vor knapp 30 Jahren.

Zur Erinnerung: Die DDR ist seinerzeit auch im Bestreben gegründet worden, Lehren aus der Katastrophe der Nazi-Diktatur und des Krieges zu ziehen. Hierzu begann man, Wirtschaft, politische und soziale Strukturen nach kommunistischen Idealen radikal umzubauen.

Ziemlich bald stellte sich jedoch heraus, dass sich die Menschen nicht einfach ein abstraktes Modell überstülpen lassen. Der sich ausbildende Widerstand wurde von den Herrschenden zum Anlass genommen, einen Repressionsapparat aufzubauen, um Widerstände zu brechen. Die Alternative, das neue Gesellschaftsmodell per demokratischer Willensbildung zu modifizieren, war undenkbar.

Nicht die Idee sollte sich den Menschen anpassen sondern die Menschen nach Maßgabe der Idee umerzogen werden. Dazu musste man die Menschen abtrennen von der Welt, räumlich und ideell, weil jede Offenheit, jeder freie Gedanke den inzwischen verkrusteten Ideenapparat ins Wanken bringen konnte.

Damit verlor die DDR-Gesellschaft einen Großteil ihres kreativen Potentials, das bekanntlich Freiheitsräume braucht, um sich zu entfalten. Emigration war die verbreitete Folge: Ins Privatleben nach innen oder nach außen, die gesetzten Grenzen zu überwinden.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich bei gelegentlichen Aufenthalten in Ost-Berlin die Vögel beneidet habe, die so frei die Mauer überfliegen konnten. Neidisch habe ich an die Handwerksburschen der letzten Jahrhunderte gedacht, die in die Welt gezogen sind, um dort Neues zu lernen und Bekanntes zu vertiefen, die eigene Orientierung zu prüfen.

Um diese Entwicklungskräfte hat sich das DDR-System gebracht. Sie werden allen autoritären politischen Systemen fehlen, die glauben besser als ihre Menschen zu wissen, was für diese gut ist.

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks schien es uns so, als habe sich in ganz Europa die gemeinsame die Überzeugung durchgesetzt, dass es zu offenen, demokratisch strukturierten, politischen Systemen keine Alternative gäbe. Diese Orientierung kommt inzwischen bei vielen Menschen, nicht nur in Europa, ins Wanken. Ich bin der Überzeugung, dass damit unseren Gesellschaften, ja der EU, Gestaltungspotentiale verloren gehen, die in unserer von Umbrüchen geprägten Gegenwart umso dringender gebraucht werden.

Die Einzigartigkeit Europas liegt in seiner Vielfalt. Jedes Land, jede Region hat eigene Traditionen, eigene Gepflogenheiten, eigene Probleme. Diese Kleinteiligkeit ist Europas Stärke und Schwäche zugleich. Mehr denn je müssen wir uns fragen, welche Prioritäten gemeinsam zu verwirklichen sind und welche Unterschiede wir akzeptieren und integrieren müssen. Auf keinen Fall darf das zu neuen Grenzziehungen führen, die uns wieder unfreier machen.

Welcher Staatenbund ist hierfür besser geeignet als die Europäische Union!
Lasst uns daher Parteien am 26. Mai wählen, die auf die Kraft eines freien Europas bauen!