Valeska Riedel - Mauern im Kopf

Im Jahr 1975 gingen meine Cousine und ich, wir waren beide etwa 9 Jahre alt, mit dem Hund der Großeltern Gassi. Wir spazierten durch Rehmsdorf, einer Siedlung in der Nähe von Zeitz und wir machten uns Sorgen um den kleinen Drahthaarfoxterrier. Immerhin war Bessi schon mindestens 8 Jahre alt und die Vorstellung, sie könne sterben, weil sie doch schon so alt ist, war uns unerträglich. Mir fiel ein, dass ich in der Stafette, einer westdeutschen Zeitschrift für Kinder, etwas über die Lebenserwartung von Hunden gelesen hatte und sagte: „Ich habe in der Zeitung gelesen, dass kleine Hunde so zwischen 13 und 15 Jahre alt werden können.“ Ich hielt das für eine gute Nachricht. Meine Cousine antwortete nach kurzer Bedenkzeit: „Aber meine Lehrerin hat gesagt, was bei euch in der Zeitung steht, ist gelogen.“

Schweigend gingen wir weiter, zum ersten Mal eine Mauer zwischen uns. Es war das Ende einer kindlichen Unbeschwertheit und sie sollte sich nie wieder einstellen. Die Gefühle mögen ganz ähnlich gewesen sein, die wir in diesem Moment empfanden. Nur die Erfahrungshintergründe und der Wunsch nach Wahrhaftigkeit, die wir in unseren politisch und ideologisch unvereinbaren Welten suchten, waren zu verschieden. Noch war der Austausch darüber zu gefährlich, die Folgen zu bedrohlich. Das wussten damals schon wir Kinder. Die Erwachsenen unserer Kindheit konnten keine Hilfestellung geben. Sie kamen einmal aus der gleichen Welt, unsere Eltern. Sie erschien uns Kindern dunkel, diese alte Welt, in der die Eltern Kinder waren. Wir fühlten uns zu Dank verpflichtet, in einer helleren Welt leben zu können. So schwiegen wir aus Dankbarkeit, die eine mit dem blauen Halstuch der Jungen Pioniere, die andere ohne. So vergaßen wir für lange Zeit, dass wir letzten Sommer noch darüber gekichert hatten, dass der Himmel unter dem wir gerade liegen, aber nicht geteilt werden kann!

„Es vergisst sich nicht mehr“,
sagte mein Vater im Winter 1989, kurz nach der Öffnung der Grenze. Er zitierte Immanuel Kant, der das über die Französische Revolution gesagt hatte. Ein Ereignis, das sich nicht mehr vergisst, unumkehrbar das Alte entlässt, sich der Ungewissheit des Neuen stellt, das keiner kennt und jeder will und fürchtet. Ein bisschen als sei man aus der Zeit gefallen. Sie blieb fast stehen, die Zeit, ganz so wie es mein Atem tat, angesichts der friedlichen Revolution in der DDR. Gleichzeitig überschlugen sich die Ereignisse als wolle die Zeit sich selber überholen, die gewohnte Ordnung vom Lauf der Sekunden, Minuten und Stunden aufheben. Es sei ein epochales Ereignis, so deutete mein Vater das, was ich als Ereignis noch nicht mal recht erfassen konnte. Mit 23 Jahren Lebenserfahrung in einem geteilten Deutschland, mit einer Friedenstaube auf meiner Gitarre als kleine, trotzige Aufkleber - Antwort auf den Kalten Krieg, war das schwer zu begreifen. So sehr hatte ich die Ordnung des Eisernen Vorhangs gehasst und verinnerlicht, als Wirklichkeit hingenommen und mich darin eingerichtet. Der Westen war mir keine Heimat, denn ich hätte so tun müssen, als gebe es den Osten nicht. Der Osten war mir keine Heimat, denn er lehnte den Westen ab. So lebte ich in einer Zwischenwelt in einer Zwischenzeit, die so tat, als sei der Krieg schon lange vorbei. Als sei die Mauer eine Normalität, etwas Logisches, mit dem zu leben ist, ähnlich wie mit den Jahreszeiten.

Ich fand den Spruch „geteiltes Leid ist halbes Leid“ schon immer irgendwie heuchlerisch.

„Wahnsinn!“,
dass in diesen Tagen 1989 vielleicht am meisten gesprochene Wort, dem es übrigens recht egal war, ob es aus einem ost- oder westdeutschen Mund kam. Fremde Menschen fielen sich in die Arme, ein atemberaubender Taumel, der wie Verbandsmull schützte, was darunter lag. Ein epochales Ereignis, ja. In dieser Gegenwart hielten sich Hoffnung auf die Zukunft und Furcht vor dem Unbekannten die Hände und kamen auf uns zu.

Ich kann bis heute die vielen Menschen jener Jahrzehnte nicht vergessen, die an dieser Grenze starben und gelitten haben, oft im Verborgenen. Eingesperrt, bedroht, isoliert und gedemütigt. Es vergisst sich nicht mehr. Es bleibt im Gedächtnis, ist unvergleichlich und zeitlos. Drei Jahrzehnte sind vergangen, im wiederkehrenden immer neuen Abschied vom Alten, das immerhin geordnet war mit klarer Form und klarer Grenze. Ein Abschied, der mir damals nicht schnell genug gehen konnte und dann doch viel zu schnell ging. Ein Abschied, der mir manchmal bis heute noch nicht genommen zu sein scheint, immer noch zu Recht geschützt von Verbandsmull, nur mit weniger Taumel und der sich immer wieder einfordert, was er braucht. Mut, Erkennen und Anerkennen, Innehalten und Weitergehen in vielen vergangenen, heutigen und kommenden Gegenwarten.

„das Leben im Augenblick, der nicht im Jetzt vergeht, sondern als einer im Übergang erscheint; der sich dehnen kann, ja dehnen muss, weil er Zeit braucht, um geschichtlich zu geschehen.“ (Manfred Riedel, Zeitkehre in Deutschland, 1991)

Valeska Riedel