Jochen Schweitzer - Erinnerungen eines Westdeutschen an die Jahre nach der Maueröffnung

Die Maueröffnung ab dem 9. November 1989 war für Alle um mich herum, die wir das damals live oder am Fernseher verfolgten, ein dramatischer, weil zuvor überhaupt nicht für möglich gehaltener Moment. Ich bin als 1954 geborener Westdeutscher aufgewachsen, zeitweise nahe bei der Grenze, mit der gefühlten Gewissheit, dass die Mauer wahrscheinlich mein ganzes Leben da stehen wird, sie aber vielleicht durchlässiger gemacht werden kann, wie so viele andere Mauern vor ihr.

Meine Euphorie über die Maueröffnung hielt für einige Monate. Zuende ging sie, als die DDR Bevölkerung mit großer Mehrheit im Frühjahr 1990 die CDU und ihr Programm eines kompletten „Beitritts" der DDR zur Bundesrepublik wählte. Das hatte kaum einer von uns, die wir im Westen auch dem eigenen politischen System kritisch gegenüber standen, erwartet, geschweige denn gewünscht - dass sich ein ganzes (Teil-)Volk so hunderprozentig in die von uns so oft kritisierten Spielregeln seines (Nachbar-Teil-) Volkes einzufügen beantragt. Danach begann ein entfesselter „Durchmarsch" des Kapitalismus, der auch in Westdeutschland viele fortschrittliche Politikansätze wieder zurückgehen liess und in Ostdeutschland aus meiner Sicht zu einer Enteignung des Volks-Eigentums eines ganzen (nunmehr Teil-)Volkes durch eine „Treu-Hand" (!) führte.

Die Frankfurter Rundschau wieß damals mahnend darauf hin, dass der Osten nun zwar mit vielen Subventionsleistungen aus dem Westen, aber völlig ohne eigenes Eigentum dastehen werde, und das werde sich langfristig wirtschaftlich für den Osten rächen. Und Oskar Lafontaine, im Oktober 1990 im Bundestagswahlkampf gegen Helmut Kohl unterlegener SPD-Kanzlerkandidat, warnte, dass mit einer Übernahme der D-Mark als gemeinsamer gesamtdeutscher Währung die DDR Industrie nicht mehr konkurrenzfähig sei und zusammenbrechen werde. Kurz danach zeigte sich, dass die ganzen früher einmal in Ostdeutschland gegründeten Konzerne, die nach dem zweiten Weltkrieg ganz in den Westen emigriert waren (z.B. Dresdner Bank) oder sowohl im Osten wie im Westen existierten (z.B. Carl Zeiss und Otto Schott) allesamt ihre Konzernzentralen im Westen behalten und dauerhaft dort belassen würden. Allein die Regierung zog nach Osten.

Dann gingen soviele Männer meiner Generation mit ähnlicher Professionalität, vom Finanzbeamten bis zum Hochschullehrer, gut bezahlt zum „Aufbau Ost" „nach drüben". Ich war 1999 von der Universität Jena auch eingeladen, dabei mitzuwirken. Am Fachbereich Erziehungswissenschaften waren damals von acht Professoren sieben aus dem Westen, davon fünf aus Tübingen - der Partner-Fakultät, von der aus die Jenenser Erziehungswissenschaft 1992 neu strukturiert worden war.

Abends, in den netten Gaststätten von Jena, traf ich sympathische Gleichaltrige oder nur geringfügig Ältere im „besten Arbeitsalter". Sie waren alle berentet, mit Anfang Fünfzig. Einige genossen es, die meisten trauerten oder schimpften, die Stimmung war depressiv, nicht rebellisch. Carl Zeiss, der große Arbeitgeber der Stadt Jena mit früher wohl über 20.000 oder 30.000 Mitarbeitern, war nach Massenentlassungen auf ca. 2.000 Mitarbeiter geschrumpft, mit der Rettung dieser ca. 2000 Arbeitsplätze präsentierte sich Lothar Späth, einer der in den Osten entsorgten ehemaligen westdeutschen Landesministerpräsidenten, als großer Retter der Jenaer Optik-Tradition. Der soziale Zusammenhang zwischen den mehreren 10.000 Entlassenen sei hinterher verloren gegangen, berichteten meine Gewährleute.

Mir scheint nach meinen damaligen persönlichen Erlebnissen und Eindrücken sowie Zeitungslektüren, „der Westen" und speziell das westdeutsche Kapital habe damals „den Osten" und speziell alle Beschäftigten der ehemals „volkseigenen" Betriebe wirtschaftlich und sozial-kulturell in großem Stile enteignet. Wobei die Mehrzahl der Menschen des Osten, wahrscheinlich mangels Kenntnis der Spielregeln des kapitalistischen Systems und/ oder mangels Identifikation mit ihrem eigenen System, dazu auch eingeladen haben und nicht dazu gezwungen werden mussten. Als Westdeutscher, der im seit damals nochmals deutlich reicher gewordenen Südwesten Deutschlands lebt, habe ich davon wirtschaftlich indirekt auch wahrscheinlich davon profitiert. Manchmal schäme ich mich dafür.