Claudia Wollenberg - Lebens (Rück) Blick

30 Jahre Mauerfall

Im Radio singt Keimzeit „ich steck Dir die halbe Tüte Erdnusschips in Deinen zuckersüßen Mund! Mit dieser Hymne meiner Jugend kommt die Erinnerung an eine ganz besondere Zeit. Eine turbulente Zeit, die sich fast von selbst überschlug, sich einholte, Altes neu machte, im Turbotempo auf der Überholspur, als könne man 40 Jahre DDR Vergangenheit vergessen machen und in einem Tag alles nachholen. Was wurde aus den Keimen und den Zeiten, was können wir nach 30 Jahren ernten und wo gilt es immer wieder neu zu säen?

Meine Mutter saß am 9. November 1989 auf unserer Coach in der Wohnstube als die Nachricht über die Reisefreiheit in den Westen verlesen von Günter Schabowski über den Bildschirm flimmerte. Der erste Gedanke der ihr kam lautete „jetzt kannst Du in den Westen fahren". Eine Tatsache, die ihr schon vorher gegeben war. Zu Geburtstagen der Verwandten im Westen fuhr sie allein und mit leeren Koffern. Zurück kam sie mit vollem Gepäck, reich angefüllt mit den so heiß ersehnten Westsachen, eingehüllt in den Duft von Freiheit und West Waschpulver. Überhaupt war das Leben für uns recht erträglich, Flucht und Vertreibung nach dem 2. Weltkrieg hatten dazu geführt, dass zahlreiche Verwandte im Westen eine neue Heimat gefunden hatten und wir regelmäßig durch Westpakete versorgt wurden. Der Einzige der nicht kam war der vermisste Großvater, von dem meine Großmutter das letzte Lebenszeichen 1945 erhalten hatte.

An eben diesem 9. November 1989 änderte sich für mich, in meinem Erleben als 12 ein halb Jährige, erst einmal nicht viel.

Was sich jedoch änderte war unser familiäres Leben, und das gravierend. Meine Mutter sah ich die ersten Jahre nach der Wende kaum noch. Hatte sie vor der Wende in einer LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft), als Prokuristin gearbeitet, war all das über Nacht nichts mehr wert. In Gesprächen die ich mitbekam wurde viel von Schulden und Altlasten gesprochen. Die Vorgabe einer Umstrukturierung der LPG (und das in Windeseile) in eine andere Gesellschaftsform hielt sie fortan in Schach und Atem und forderte ihr viel ab. Als Jugendliche arbeitete sie in meiner Wahrnehmung Tag und Nacht.
Zur Währungsreform war das Geld nur noch halb so viel wert und der Konsum (Lebensmittelgeschäft) über Nacht gefüllt mit West Sachen. Neben einer beängstigenden Ungewissheit beherrschte der absolute Rausch unser Leben, berauscht von der Fülle der Dinge gepaart mit der Angst es könne wieder anders kommen.

Das Leben war rasant, wirkte unruhig, wie die Menschen auch und brachte stets Überraschungen mit sich. Plötzlich tauchten ehemalige Besitzer auf und diese „Leute aus dem Westen" verlangten ihr Hab und Gut zurück. Durch die Bodenreform enteignetes Land wurde rückübertragen und die eine Ungerechtigkeit erzeugte das nächste Unrecht. Es spielten sich ergreifende Szenen ab und während die eine Mauer gefallen war, baute sich die nächste auf.

So versuchte meine Mutter an allen Fronten zu schlichten und es irgendwie allen Menschen in ihrer Umgebung recht zu machen. Doch wie soll bei all diesen unbefriedigten Bedürfnissen Zufriedenheit entstehen? Diese Mission wurde ein aussichtsloses Unterfangen. Die LPG wurde eine Genossenschaft, viele Freunde und Bekannte verloren ihre Arbeit und der Unmut wuchs und damit auch der Zorn der Ehemaligen auf die Verbleibenden.

Die nächste Welle kam in Windeseile, ein Betrieb nach dem nächsten wurde „abgewickelt", ging verloren und die Arbeitslosigkeit beherrschte das Land. Ein kollektives Entwertungs- und Entwürdigungstrauma machte sich breit, ein für uns neues System wurde eins zu eins übertragen, was nun tun mit 40 Jahren gelebter DDR Sozialisation.

Das Wegbrechen des alten Lebens wurde für mich immer mehr sichtbar, denn aufgewachsenen in einem kleinen Dorf in Brandenburg, am Rande eines „Russen-Schießplatzes" bestand meine Kindheit aus der friedlichen Koexistenz mit den „Freunden"- den russischen Soldaten. Mit den „Freunden" wurden wir groß und der Satz: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen" war der Leitspruch meiner Kindertage. Die „Sieger des Krieges" verschwanden nun sukzessive aus unserem Leben. Mit ihnen verschwandt das nächtliche Geräusch der Stalin Orgeln und die tieffliegenden Kampfflugzeuge (MIG-29), die mit Überschallgeschwindigkeit über unser Dorf flogen. Eine Kindheit wie im Krieg. Der Krach verzog sich aus der Luft in das innerste des Dorfes. Den „Stasi Schweinen" sollte es an die Gurgel gehen, einige Dorfbewohner verhinderten eine Lynchjustiz. Trotz der friedlichen Einigung blieben einige Rechnungen bis heute offen.

Für mich als Jugendliche nahm das Leben immer mehr eine ungeahnte Wend-ung, es öffneten sich neue Welten, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie gab. Vor 1989 hätte mein Lebensentwurf wahrscheinlich in der nahen gelegenen Näherei geendet und die große weite Welt wäre unerreichbar geblieben. Nun aber war der Weg frei, offen für alle Träume. Doch wie kann man träumen, wenn man nur in Grenzen denkt? Die Zweiflerin in mir, die wie ich es von vielen Ostdeutschen kenne, lange Zeit den Ton angab, konnte erst mit viel Zureden von außen und Überzeugungskraft dazu gebracht werden ans Gymnasium zu gehen. Regelmäßig klopfte die Zweiflerin an meine Lebenstür und es ist der „Westverwandtschaft" mit ihrem Weitblick zu verdanken, dass ich am Ende durchhielt. Eine Tatsache für die ich überaus dankbar bin, u.a. lernte ich in dieser Phase meines Lebens, in all diesen Umbrüchen, durchzuhalten.
Erneut war die Zweiflerin wieder zur Stelle, denn ein Studium traute sie mir nicht zu. Die Zeiten waren weiter ungewiss, die Arbeitslosigkeit hoch und so rieten mir meine Mutter und meine Oma, beide durch den Krieg geprägt, zu etwas krisensicherem. Ich hatte Glück und somit eine Ausbildungsstelle als Krankenschwester in ehemals „West-Berlin". Der erste Kontakt mit der großen weitern Welt. Diese Freiheit sollte nun auch Form und Gestalt annehmen. Hierbei gab es kein zweifeln. Durchhalten konnte ich und ich hielt durch, gönnte mir nur wenig und sparte für den ersten eignen Urlaub in der Ferne. Dorthin fahren, wovon man als DDR-Bürger immer geträumt hatte. Es wurde Canada und mein Fernweh war geweckt.

Während ich die große weite Welt erkundete und studierte drehten sich die Uhren in meinem Heimatdorf weiter, Unzufriedenheit beherrschte ganze Regionen und die jungen Leute zog weg „in den Westen". Zurück blieben viele Wendeverlierer, diejenigen die um die Zeit der Wende mittleren Alters waren, eigentlich in der Blütezeit ihres Lebens standen, aber nun keinerlei Perspektive auf dem Arbeitsmarkt hatten. Galt es vorher im sozialistischen System zusammenzuhalten, weil die Rohstoffe knapp waren, herrschten nun Neid und Missgunst untereinander. Auch der Großvater wurde nach Jahren des Haderns für Tod erklärt, weil die Hinterbliebenenrente sonst nicht gezahlt worden wäre, die das Überleben sicherte. Abschied auf allen Ebenen, aber die Hoffnung blieb... als kleiner Keimling.

Soll das wirklich alles gewesen sein? Eine Frage die sich viele stellten und auch heute noch stellen. Es wäre vermessen zu glauben, dass diese tiefgreifenden, existentiellen und ungelebte Bedürfnisse in den Seelen der Einzelnen nicht weiterwirken. Ungelebtes Leben wirkt sich auf das eigene Sein und das der nachfolgenden Generationen aus. Ein Sichtbarmachen und Hinschauen ist der erste Schritt um Verbindung zu schaffen. Somit sind viele Themen von damals immer noch aktiv, wirken unbewusst weiter, während an der Oberfläche bereits wieder Wachstum stattfindet. Was braucht es? Heilung aus der Mitte, aus dem Kern heraus, nach Außen oder von der Oberfläche ins Innerste hinein? Alles Fragen systemischer Natur, die mich umtreiben.

Was kann ich heute 30 Jahre nach dem Mauerfall ernten und was will ich weiter säen?

In der Rückschau meines Lebens ist es somit nicht verwunderlich, dass ich erst Krankenschwester und dann Psychologin wurde. Das Leben mit inneren und äußeren Spannungen war mir vertraut. Ich erlebte, dass in der größten Zerstörung immer auch etwas Heiles erhalten blieb und es sich lohnte diesen Keim zu pflegen. Immer wieder war ich überrascht was sich positiv entwickelte und somit war meine systemische Haltung (die immer schon da war) geboren. Durch die vielen verschiedenen Lebenswelten die ich erfahren habe und erleben durfte, die oft auch schmerzhaft waren, habe ich meinen Weg des Brücken-Bauens gefunden. Das Verstehen wollen treibt mich um, herausgefunden habe ich für mich, dass dies nur möglich ist, wenn ich auch die Lebenswelten der Anderen kenne. Somit ist jeder Kontakt für mich auch eine Zeitreise in die Biografie des Gegenübers, mit den Augen der jeweiligen Zeit zu schauen ist dabei essentiell für mich.

Heute arbeite ich als Psychologin im klinischen Kontext sowie in eigener Praxis. Meine Schwerpunkte liegen im Bereich der Hospiz- und Palliativarbeit, der Psychoonkologie, der Traumatherapie und Neuropsychologie.
Mein Anliegen ist es den psychischen Folgen des 2. Weltkriegs sowie der deutsch-deutschen Teilung Aufmerksamkeit zu widmen und setze mich damit auseinander. Ich suche nach den Auswirkungen dieser Erfahrungen und Erlebnisse. Bei all der Schwere und Last ist mein Blick aber immer auch auf die vorhandenen Kräfte und Überlebensstrategien in schwierigen Zeiten gerichtet. Mein Konzept des „Imaginären Erinnerungs-Koffer" - eins hypnotherapeutischen Lebens(rück)blick Konzept (nicht nur) für ältere, palliative und sterbende Menschen ist ein Resultat dieser Arbeit. Eines habe ich von meinen Patientinnen gelernt, es nie zu spät, sich auf die Reise in die eigene Geschichte zu begeben, um Dinge dann anders oder vielleicht auch neu zu betrachten.

Mit dieser wertvollen, bereichernden, achtsamen und würdigenden Arbeit komme immer mehr bei mir selbst an, komme nach Hause, wie am Ende im Lied von Keimzeit „...Bloß von hier weg, so weit wie möglich. Bis du sagst, es ist Zeit, wir müssen aus Feuerland zurück, nach Hause, Im Wiener-Walzer-Schritt."

„Der imaginäre Erinnerungs-Koffer" -

Eins hypnotherapeutischen Lebens (Rück) Blick-Konzept

Oft ist in der Begleitung älterer Menschen der Blick auf die Dinge, die das Leben lebenswert machten durch Krankheit, Schwäche, Verlust, Einsamkeit... verdeckt.
Wie lässt sich der Blick wieder so weiten, dass Erinnerungen wach werden und der Zauber längst vergangener Tage wieder entfacht wird? Wie können vorhandene Kräfte und Überlebensstrategien in schwierigen Zeiten, wieder sichtbar und spürbar werden?

All diese Erlebnisse lassen sich im imaginären Erinnerungskoffer sammeln, eine Entdeckungs- und Zeitreise zurück in die Vergangenheit an die Stationen des Lebens die bedeutsam waren und sind. Sammeln Sie mit Ihren Patientinnen, KlientInnen, BewohnerInnen Schätze und Kostbarkeiten, Andenken und Erbstücke, Nippes und Kitsch und entdecken Sie die Kraft dieser Schatzsuche. Einige Dinge müssen sicher erst aufpoliert werden, da sie lange in angestaubten Ecken standen, dann aber umso mehr anfangen zu leuchten und ihren Charme versprühen.
Am Ende steht ein persönlicher Erinnerungskoffer reich angefüllt mit großen und kleinen Erinnerungsschätzen, vielleicht auch mit Geheimfach!?

Für einige Kofferbesitzer ist es sicher auch der Koffer für die letzte Reise. Welche Dinge, Erlebnisse, Erinnerungen sind für die letzte Reise bedeutsam und wichtig, sollten vielleicht sogar überdauern oder vererbt werden, oder aber ein für alle Mal ad acta gelegt werden?

Lernen Sie das Konzept des imaginären Erinnerungskoffers kennen, hier drin enthalten sind verschiedene hypnotherapeutische Techniken und Entdeckungshilfen zur Schatzsuche, Erinnerungskonservierung sowie zum An- und Gedenken.

Claudia Wollenberg