Anett Renner - Erfahrungen

Zur Tagung "30 Jahre Mauerfall" in Naumburg

Die Wende preschte übers Radio direkt in meine pubertäre Welt. Als hätte man nicht schon genug mit sich und den inneren Dynamiken zu tun, wurde ich betroffene Zeitzeugin einer der größten Systemumbrüche überhaupt in der Geschichte. Als 14jährige, die am 9.11. als Sportkader in einem Internat lebte, war die Nachricht der Maueröffnung völlig surreal und wundervoll zugleich. Dieser Zwiespalt setzte sich in darauffolgenden Erlebnissen weiter fort und lebt noch heute in mir. Wir konnten trotz später Stunde unsere Ohren nicht vom Radio, später vom Fernseher lösen. Die Ereignisse schlugen blitzartig auf uns ein, die Nachrichten rauschten in und über uns hinweg, Neuigkeiten überschlugen sich. Bis heute lassen sich die Erinnerungen kaum in eine sinnvolle Reihenfolge bringen. Wir erlebten, z.B. in der Schule, wie innerhalb von Tagen alte starre „Wahrheiten", Regeln und dazugehörige Menschen ausgewechselt worden; wie Orientierungslosigkeit, Anarchie oder Chaos die bisher vertraute strenge Struktur und Hierarchie verdrängten; wie die Schulpflicht mit der eigenen Wahl, eine Demo zu besuchen in den Hintergrund trat. Situations-und Zeitwahrnehmung als entgrenztes Phänomen, für mich wahrscheinlich das erste richtig bewusste Erleben von Chaos und Systemik.
Für unsere Generation öffnete sich das Tor zur Welt und mit ihm alle bisher ungeahnte Möglichkeiten und Reisen. Ich konnte studieren, was und wo ich wollte. Hurra. Für mich war die Wende in der Erinnerung in erster Linie eine Geruchsrevolution. Der Westen roch ganz anders... so gut, dass das limbische System die Neugier in unsere Augen, Hoffnungen von Wohlgefühl in unseren Kopf und Hinbewegungen in unsere Muskeln zauberte.

Bei all der Euphorie und dem Freiheitsjubel blickten wir auch in fragende, oft ratlose Gesichter der Erwachsenen, in Augen, die die Wandel oder Freiheit diesen Ausmaßes nicht kannten. Vielleicht sahen sie auch das Unheil kommen, ohne es zu wissen. Die Grenze öffnete sich und schloss sich auf anderen Seiten wieder. Grenzenlos waren eben nicht das Zugehörigkeitsgefühl, die Arbeitsmöglichkeiten, die Möglichkeiten für Existenzsicherung und Wohlstand. Vor den unzähligen Optionen stand die Mauer der realen Chancen und Machbarkeit. Grenzen verschoben sich in andere Dimensionen. Grenzen gab es aus unserer Wahrnehmung von der anderen Seite zum Verständnis rund um die Ost-Identität, deren Geschichten und zur Würdigung des Gelungenen.

Gerade während der Wendezeit wurden Große klein und Kleine prompt erwachsen, oft ohne Orientierung und im Selbstversuch. Angst, Starre im Wechselbad mit Freiheitsdrang und Freude über die neuen Möglichkeiten. Viele unserer Eltern hatten mit sich und existenziellen Fragen zu tun, versuchten zu verstehen, fleißig zu lernen und in ihren Betrieben weiterzuarbeiten oder versuchten einen Neuanfang, nicht ganz freiwillig. Hoffnungen schwanden, Enttäuschung traten auf die Bühne. Mit Enttäuschungen war man gewohnt umzugehen als „Normal-Ossi", sich zu arrangieren, zu improvisieren. Aber diese neue Art von Enttäuschungen hatten eine andere Qualität, die bisher Bekanntes erschütterte, bis ins Herz und an die Nieren ging; auf die Psyche schlug.

Nach der Wende stiegen die Angst- und Depressionserkrankungen im Osten deutlich. Die kollektive Depression war für mich als aufblühende Jugendliche und junge Erwachsene deutlich spürbar in persönlichen Familienschicksalen oder beim Fahren durch heimische Landschaften als Heimkehrerin. Hoffnungsversprechen von politischer Seite entpuppten sich im Lebensalltag der Ostdeutschen als oft kleine und manchmal übergroße Berge des Betrugs, der Arbeits- und Würdelosigkeit, die sich mit Tälern der Hoffnungslosigkeit, Wut und Trauer abwechselten. Für viele Menschen endete die Reise in perspektivischen Ödland.

Aufgewachsen im ehemaligen Zentrum der Industrie und Produktivität Deutschlands, in Mitteldeutschland, erlebte ich mit, wie meine Eltern als gut ausgebildete Chemie-Fachkräfte, Akademiker in der Produktion und fast 30jähriger Betriebszugehörigkeit, von jungen westdeutschen Unternehmensberatern ohne Abfindung entlassen wurden und mit Anfang/ Mitte 40 Jahren zum „alten Eisen" gehörten. Sie versuchten sich mit mehreren Praktikantenstellen und Umschulungen auf das neue Leben vorzuzubereiten, hatten Vertrauen in windige Versprechungen, setzten gespartes Vermögen für Fort- und Weiterbildungen ein, um doch nicht in einem Betrieb übernommen zu werden. Menschen der ehemaligen DDR haben oft unter dem Mindestlohn ihre Arbeitskraft eingesetzt, weil Arbeit ein hohes Gut ist.
Ich habe erlebt, dass Fachwissen und Qualifikationen nichts mehr zählen, die berufserfahrenen Eltern als Praktikanten für Versichungsunternehmen und Handeltreibende arbeiten. Mir wurde von Kunden-, Produkt- und Patentlisten berichtet, die verschwanden... so auch ganze Arbeitsstätten, große Betriebe, mit samt der Betriebsmittel und Anlagen, die Menschen und Familien, übrigens auch den Nicht-Leistungsträgern, lange Zeit nicht nur Einkommen sicherten, sondern auch Zugehörigkeit zur kollegialen Gemeinschaft.
Wir sahen die Kulturstätten verkommen, einst Orte des Vergnügens, wie Kinos, Theater, Schwimmbänder, zunächst mit gebrochenen Glasscheiben, verbarrikadierten Türen und Graffitiwänden, später Bauruinen mit kaputten Dächern bis die grüne Wiese übrig blieb... ganze Friedhöfe ehemaliger Wirkstätten.

So verwässerten Lebensläufe, Identitäten und Hoffnungen. Zurück blieb oft ein Gefühl, Mensch 2. Klasse zu sein.

Ich habe erlebt, wie ich Studierenden aus dem Westen in v.a. naturwissenschaftlich- mathematischen Bereichen helfen konnte, weil das in unserem System sehr gefördert wurde. Auf der anderen Seite waren die Menschen aus den alten Bundesländern geschickt im Selbstmarketing und der Kommunikation. Ich habe erfahren, dass es darauf nach der Wende und heute mehr denn je darauf ankommt, als auf solides Fachwissen. Bis heute spüre ich in mir das Spannungsfeld zwischen Fachwissen und Darstellungsdruck verbunden mit dem Gefühl, nicht gut genug zu sein, es nicht wert zu sein, nicht beachtenswert zu sein als Ossi mit Dialekt. Sicherlich haben mich auch die medialen Einflüsse aus Film und Fernsehen, wo oft die ostdeutschen Dialekte als Aufhänger für Ironie; Zynismus, sogar Sarkasmus genommen werden, geprägt, vielleicht auch verletzt. Ich frage mich oft, welche Selbstwertkrisen damit überdeckt werden.

Stasiverfolgung hat meine Familie glücklicherweise nicht erfahren, politisch waren sie nicht, freidenkend schon. Sie haben sich arrangiert mit den Grenzen und dem System und eine Gegenwelt voll Leben geschaffen. Mit der Wende brach auch das zusammen.
Sorge macht mir die zunehmende politische Spaltung und den Aufwind rechtsgerichteter Ideen, nicht nur in Sachsen auch in meiner neuen Heimat Baden-Württemberg. Auch hier verschwimmen die Grenzen, es gibt kein eindeutiges Ost-West. In meiner sachsen-anhaltinischen Heimat hat sich z.B. eine rechtsgerichtete Bewegung etabliert, die von einen „Schwaben" intelligent geführt wird. Ich frage mich immer wieder, auf welchen fruchtbaren Boden solche Ideen stoßen und finde oft Antworten zur Sozialisation. Aus meiner Sicht sind diese destruktiven Phänomene „Aufmerk-Versuche" auf viele Erfahrungen von Scham, misslungener Integration; also Antworten auf massive Entwürdigungen. Wann fangen wir an zu würdigen und zu integrieren, anstatt auszugrenzen oder sogar abzuspalten?

Als Ostkind habe ich gelernt, im Westsystem zu überleben, für mein Einkommen und beruflichen Status hart zu arbeiten. Ich erlebe immer noch, dass es in meiner neuen westlichen Heimat kein bzw. kaum Interesse gibt für die andere Seite. Gefühl von Überlegenheit und Abwehr- bzw. Abwertungshaltungen („Loser-Volk") schleichen sich immer wieder ein. Die Mauer ist in vielen noch da, auch in mir, obwohl ich das nicht möchte als aufgeklärter ressourcenorientierter Mensch. Emotionale Erfahrungen brennen sich nun mal tief ein.


Wofür ich dankbar bin:
Auch wenn die Eltern nicht die angesehenen beruflichen Karrieren machen konnten oder wertvolle Immobilienanlagen tätigen konnten zum Weitervererben, dann haben wir ein unfassbar warmes und unterstützendes Beziehungsnetz erfahren. Wir haben erfahren, uns zu unterstützen, oft aus „Nichts" etwas zu machen.
Wenn ich die Heimat besuche, dann sind die Türen offen, auch bei weitläufigen Bekannten, ich sehe offene Augen und Ohren, höre ein wahres Interesse auf die Frage „Wie geht´s?" und es ist Zeit da, zuzuhören. Es wird auch viel gelacht. Die Trauer und der Humor gehören bekanntlich zusammen. Ich bin dankbar für die offenen Blicke und Gesten sowie für die Gefühle, die gelebt werden...
auch die Enttäuschungsgefühle und Aggressionen.
Ich bin dankbar, dass ich Aggressionen als „Hinbewegungen" verstehen kann, als Bedürfnisinformationen. Ich habe erkannt, dass es oft um Würde geht. Also investiere ich persönlich und beruflich viel in Würde und Würdigung. Zwei Länder und zwei Systeme zu kennen, hilft mir oft dabei, eine andere Brille aufzusetzen, die Perspektive zu wechseln und differenziertere Fragen zu stellen.
Ich bin Fan für alles Einfache und Natürliche, das mein junges Leben ausgemacht hat.
Die Fähigkeiten zur Grundversorgung, die besonders in Krisenzeiten wichtig ist, haben sich die Ossis nicht nehmen lassen: selbstgebackenen Kuchen bei Kaffee und Tee, einen leckeren Eintopf oder einen schönen Braten gab es immer und das Gefühl, dass einem immer geholfen wird.
Bezüglich der Erwartung an warmherzige offene Beziehungen wurde ich nach der Wende sehr oft im Kontakt mit „Westdeutschen" enttäuscht. Auch das Lachen und die Natürlichkeit fehlen mir häufig. Also schon wieder eine Mauer in mir, aufgrund einer Bedürfnislücke.
Ich weiß, dass sich Haltungen aus den Beziehungserfahrungen entwickeln. Es ist ein schwacher Trost zu wissen, dass man nicht wissen kann, was einem fehlt, wenn man bestimmte Erfahrungen nicht gemacht hat. Ich bin dankbar für diese warmen Beziehungserfahrungen, die selbstverständlich auf andere Seite wahrnehmen und schätzen kann.
Ich bin dankbar für die starken Frauen, die meine Kindheit prägten und mich in meiner weiblichen Identität und dem Sowohl-Als- Auch stärkten. Als Frau und Mutter war es früher selbstverständlich, zu arbeiten. Unsere Mütter waren Betriebsleiter, Traktorfahrer, Maschineningenieure (das * innen gab es nicht). Emanzipation war für viele der Ostfrauen überhaupt kein Thema. Diesen, in die Wiege gelegten Anspruch, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, brachte uns junge berufstätige Mütter in der neuen Zeit oft an unsere Grenzen. Ich bin dankbar für die gute Kinderbetreuung und Schulbildung, die Kindertage, wo u.a. immer am 1. Juni mit viel Aufwand die DDR- Kinder verwöhnt und gewürdigt wurden. Dann gab es die Haushaltstage, an denen Mutti einmal im Monat zu Hause war und feierliche Fragentage, wo Frauen im Mittelpunkt standen. Heute versuche als Mutter und Familientherapeutin für ausreichend Platz für Kinderträume, Frauen- und Männerräume und fürsorgliche wohlwollende Begegnungen zu sorgen.

Es geht mir nicht gut im „Wir und Die" zu denken, immer wieder der Spaltung und dem Bewertungsdrang nachzugeben. Ich bin dankbar, dass u.a. mein toller westdeutscher Ehemann mich erinnert, wenn es nötig ist, dass ich mir dessen bewusst bin und täglich für achtsame Verbindungen lebe und arbeite. ...
Systemisch gesehen, wird in Systemen immer das Fehlende erzeugt. Die Grundhaltung des „Sowohl als Auch" gefällt mir sehr. Ich habe Vertrauen in das Leben und glaube daran, dass die Verbindung und Synergie, das Einzige ist, was Leben, Entwicklung und Gesundheit fördert im Gegensatz zur Konkurrenz, Einzelkämpfertum, Neid, Missgunst und Zerstörung.

Bei all der Spaltung und den Grenzerfahrungen bin ich zur Achtsamkeit zurückzukommen. Ich habe erfahren, dass gerade daraus unschätzbare Ressourcen und kreative Energie entstanden ist...etwas Wertvolles, dass mich und andere trägt, das ich weitergeben kann und vielen Menschen, v.a. in Krisensituationen nützt.
Heute setze ich mich mit dem systemischen Handwerkszeug mit Leidenschaft für Menschen ein, die irgendwie verloren gegangen sind, z.B. für verhaltensoriginelle Kinder und Jugendliche in Kontexten der Sozialpädagogik, für chronisch und schwer kranke Menschen und deren Familien, für „Mobbing- Erfahrene", für die stressgeplagten Leistungsträger aus Wirtschaft und Sozialem, für Menschen mit Flüchtlingserfahrungen und Traumatisierungen. Vielleicht gelingt mir die Abgrenzung zwischen Beruflichen und Privaten nicht immer gut, aber ich habe achtsame Helfer, die mich erinnern und unterstützen. Eine Tätigkeit für die Menschlichkeit sowie das Sinn-und Nutzenstiftende ist für mich das größte Salär. Aus der Not hat sich auch die Kreativität entfacht.

Aus welchen Erfahrungen auch immer, habe ich ein eigenes Konzept der Systemischen Achtsamkeit (SACHT) entwickelt.

Anett Renner